by isaforster

Ego State im therapeutischen Coaching

Dezember 14, 2025 | Allgemein, EMDR, Stressbewältigung

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Mallorca. 1998. Familienurlaub in einem Ressort.

Gemeinsam mit ein paar Teenagern, die ich dort kennengelernt hatte, stand ich an einer Klippe. Wir genossen die Aussicht auf das Meer - und natürlich spielte auch ein wenig Imponiergehabe mit hinein. Mallorca hat viel Stein. Und viel Geröll. Es ist nicht untypisch, dass an Klippen loses Gestein liegt.

Auf genau solchem stand ich.

Für einen kurzen Moment verlor ich den Halt.
Nur eine Sekunde.
Ich machte einen Schritt zurück. Dann noch einen. Zur Sicherheit.

Mein Herz schlug schnell, meine Augen waren geweitet, mein ganzer Körper stand unter Spannung. Und da war dieser Knoten im Magen.

Im Nachhinein lachte ich - obwohl mir eigentlich nicht nach Lachen zumute war.

Das Wiederauftreten desselben Gefühls

An dieses Gefühl erinnerte ich mich Jahre später, 2007, in Irland. Wieder an einer Klippe - diesmal deutlich höher. Mindestens 40 Meter ging es nach unten.

Ich lief mit etwa zehn Metern Abstand am Rand entlang. Rational völlig ungefährlich. Und doch:

Hätte ich mich weiter genähert, wäre der Knoten im Magen stärker geworden. Die Kurzatmigkeit. Dieses ungute Gefühl von zu viel Energie im Körper.

Dieses Gefühl kenne ich bis heute.
Wenn ich die Bodenhaftung verliere.
Wenn mein Auto bei Nässe oder Schnee kurz rutscht.
Wenn ich in der Natur über loses Geröll gehe.

Immer derselbe körperliche Zustand.

Ego State – verkörperte Erinnerung

Heute weiß ich: In diesen Momenten meldet sich ein Ego State.

Mein 14-jähriges Ich.
Der Teil von mir, der auf Mallorca an dieser Klippe stand.

Dieser innere Anteil hat gelernt: Bodenhaftung verlieren kann gefährlich sein.
Und er reagiert. Unabhängig davon, ob die aktuelle Situation objektiv bedrohlich ist oder nicht.

Nicht als Gedanke.
Sondern als körperlicher Zustand:

Der Knoten im Magen.
Die erhöhte Grundspannung meiner Muskeln.
Die Alarmenergie meines Körpers.

Dieser Ego State ist nicht „vergangen“.

Er ist als innere Organisationsform erhalten geblieben – wie eine Matruschka, die sich in bestimmten Situationen automatisch meldet und warnt:

„Pass auf. Sei vorsichtig. Damit dir nichts passiert.“

Der Körper als Träger emotionaler Erinnerung

In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, dass emotionale Erinnerungen nicht nur kognitiv, sondern auch körperlich organisiert sind.

Ein Träger dieser Organisation sind die Faszien – das Bindegewebe, das Organe, Muskeln und Knochen umhüllt und miteinander verbindet. Faszien sind reich innerviert und stehen in enger Verbindung mit dem autonomen Nervensystem.

Emotionen werden dabei nicht „gespeichert“ wie Daten.
Sie manifestieren sich als stabile körperliche Spannungs- und Reaktionsmuster.
In meinem Fall: rund um den Magen.

Die Angst vor dem Wegrutschen, die mein Nervensystem als Jugendliche erlebt hat, zeigt sich bis heute als körperliche Reaktion in vergleichbaren Situationen.

So entsteht eine fasziale Erinnerung – nicht als isoliertes Gedächtnis, sondern als Teil eines verkörperten Ego States.

Das Nervensystem und die Erinnerung

Eine Klientin sagte kürzlich in einer Sitzung zu mir:

„Wir sind ja auch einfach nur Säugetiere.“

Und sie hat recht. Wir sind Säugetiere.

Und viele unserer inneren Muster - muskulär wie faszial - sind Reaktionen unseres autonomen Nervensystems.

Eines Systems, das nicht für Selbstverwirklichung zuständig ist, sondern für Überleben.
Ein System, das uns beschützen möchte.

Erfahrungen, die Gefahr abwenden konnten, sind aus dieser Perspektive äußerst willkommen.
Vor allem aber ist es die nervensystemische Erinnerung an Gefahr, die eine zentrale Rolle spielt.

Wenn man das Nervensystem aus seiner eigentlichen Aufgabe heraus betrachtet, ist es evolutionär absolut sinnvoll, sich gefährliche Situationen - und vor allem bewährte Schutzreaktionen - zu merken.
So ist es nervensystemisch gut nachvollziehbar, dass mein Ego State auf Mallorca die Erinnerung an das lose Geröll behalten hat.

Ebenso nachvollziehbar ist es, dass die damals wirksame Lösung gespeichert wurde: ein paar Schritte zurück.

Ego State „resetten“

Ich nutze hier bewusst das Wort ‚resetten‘ – nicht im Sinne von Löschen, sondern im Sinne einer Neuorganisation der emotionalen Ladung.

Für mein 14-jähriges Ich war diese Erinnerung sinnvoll.

Die emotionale Ladung, die noch lange mitgeschwungen hat, war es nicht unbedingt.

Auf einem Trampelpfad mit ein paar Steinen auf dem Boden brauche ich keine Angst vor dem Wegrutschen. Es gibt dort keine reale Gefahr dazu. Und trotzdem meldet sich mein Körper - mit Knoten im Magen, Muskelspannung, Alarm.

Diese Reaktion entsteht nicht nur im Denken.
Sie ist körperlich organisiert - unter anderem faszial gebunden.

Kann man das verändern?
Ja.

Was einmal mit einer Emotion verknüpft wurde, kann auch neu organisiert werden. Die Erinnerung selbst bleibt - die emotionale Überladung kann verarbeitet werden.

Dafür nutze ich einen körpereigenen Verarbeitungsprozess: EMDR.

Dabei geht es nicht darum, etwas „wegzumachen“.

Sondern darum, dem Nervensystem zu ermöglichen, eine Erfahrung vollständig zu verarbeiten:

  • Die auslösende Situation wird bewusst gemacht.
  • Der dazugehörige körperliche Zustand wird wahrgenommen.
  • Und über den EMDR-Prozess darf sich die gebundene Anspannung lösen.

Psychologisch bedeutet das:

Ich verbinde mich mit dem Ego State, versuche ihn zu verstehen, stelle Einigkeit zwischen den inneren Anteilen her. Das braucht Zeit.

Körperlich bedeutet es:

Die faszial gebundene Anspannung darf sich lösen.
Die emotionale Ladung wird verarbeitet.

Genau das habe ich mit meinem 14-jährigen Ego State gemacht.

Verkörperte Veränderung statt reiner Einsicht

Und genau so arbeite ich in meiner Praxis. Jeden Tag.
Nicht nur darüber sprechen, was ein Mensch erreichen will oder verstehen sollte.

Sondern gemeinsam wahrnehmen, wo im Körper der innere Knoten sitzt, der das Weitergehen blockiert.

  • In welchen Situationen spürst du Druck im Körper?
  • Welche Verspannungen gehen einfach nicht weg?
  • Welche Konflikte bringen dich sofort in den Ausnahmezustand?
  • Welche Gedanken machen logisch keinen Sinn – lassen sich aber trotzdem nicht abschalten?
  • Wobei kommen dir unweigerlich und gefühlt unkontrollierbar die Tränen?

Lass uns dort ansetzen.

Denn ja: auch du bist ein Säugetier. 😉

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